Die Buchhandlung
Die Buchhandlung befindet sich in einem größeren Bahnhof in der größeren Stadt, in der ich lebe. Sie sieht ganz hübsch aus. Die Schaufenster sind ansprechend dekoriert, lange Holzplanen ziehen sich als Ablageflächen durch die großen Schaufenster. Auf ihnen wurden ungefähr vierzig Exemplare der aktuellen Ausgabe von "Psychologie heute" nett und adrett zusammengepuzzelt. Oben wurde eine Spalte frei gelassen, man sieht den Kopf des Buchhändlers, der hinter einem erhöhten Kassenpodest zu stehen scheint. Ohnehin wirkt alles recht luftig und frei. Die vierzig Exemplare zeigen auf dem Cover eine Frau mittleren Alters, die sorgenvoll in die Gegend blickt, ihre rechte Hand an die Schläfe gelegt.

Ich betrete die Buchhandlung. Es ist ja keine richtige Buchhandlung, sie ist ja ausgelegt auf die Bedürfnisse von Reisenden, die in aller Hast eine Zeitung oder einen Schmöker für die anstehende Fahrt erwerben wollen. Dafür habe ich Verständnis. Die Reisenden betreten das Geschäft vor, hinter, links und rechts neben mir. Sie blicken kaum auf, rennen durch den Laden zu der von ihnen präferierten Lektüre, greifen sie, und hasten an die Kasse. Wahrscheinlich würde ich genauso agieren, müsste ich noch einen Zug erwischen.

Die Buchhandlung ist aufgeteilt in zwei Räume. Im Zentrum des ersten Raumes sehe ich zwei große Displaytische mit Büchern; eine Ansammlung der auf den Bestsellerlisten verzeichneten Werke, jeweils in deutscher und englischer Sprache. Die Listen der Platzierungen hängen deutlich sichtbar über den Displays, so dass eine Orientierung leicht fällt: am besten liest man zuerst die Bücher, die ganz oben auf der Liste stehen. Immerhin haben dies scheinbar schon viele andere zuvor getan. Und die große Masse kann sich kaum irren.

Nun wende ich mich nach links zur Wand. Hier stehen die Romane, geordnet nach dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens des jeweiligen Autors. Timm, Uwe: nicht vorhanden. Kunderra, Milan: nicht vorhanden. Beauvoir, Simone de: nicht vorhanden. Dafür sehe ich überall T.C. Boyle... aber den mag ich nicht so...

Unter dem Regal, in welchem die Bücher mit dem Rücken nach außen stehen, befinden sich die aktuellen Titel der Kategorie "Lebenshilfe". "Mein Moppel-Ich und ich", "Wie werde ich reich, schlank und berühmt?" sowie "100 Gründe eine beste Freundin zu haben" meiner ehemaligen Kommilitonin V.R. liegen wie Zinnsoldaten stapelweise bereit zur Abholung.

Getroffen von soviel geballter Intelligenz wende ich mich nun der Fachpresse im zweiten Raum zu. Da ich in einer Großstadt lebe, habe ich keinen Garten... somit fällt die rechte Wand schonmal weg. Computerzeitschriften? Bislang war ich mit meinem allgemeinen Wissen diesbezüglich durchaus zufrieden. "Bravo", "Girl" und "Bravogirl" treffen ebenfalls nicht meinen Geschmack. Bleiben nur noch Autos, Reisen und Erotik. Und auch hier muss ich sagen: "Isch abe gar kein Auto", reise gerne, aber dann auch gerne an die Ziele, die eben nicht in der einschlägigen Presse auftauchen, und Sex? Ja, den mag ich, aber wohl eher im Schlafzimmer oder im Freien, als auf den Hochglanzseiten eines Magazins, das mit Brüsten und Platinblond vollgestopft ist. Obwohl da wahrscheinlich das ein oder andere drinstehen könnte, das ich noch lernen kann.

Leicht frustriert begebe ich mich zurück in den ersten Raum mit dem Ausgang. Mein Blick streift die Tagespresse - Griechenland und seine Staatsverschuldung finden sich auf jedem Titelblatt. Da dieses Thema bereits in den Nachrichten, im Radio und im Internet ausführlich behandelt wurde, sehe ich keinen Grund, erneut ellenlange Reportagen zu lesen... das Prinzip habe ich bereits verstanden.

Ich suche doch etwas Packendes, Faszinierendes... und verlasse wieder einmal unverrichteter Dinge eine Buchhandlung. Ich denke wieder an die Frau auf dem Cover von "Psychologie heute", und reibe sorgenvoll meine rechte Schläfe, während ich Richtung S-Bahn steuere. Ich wollte doch nur... hm, aber was wollte ich da eigentlich?